Outsourcing

Eines Tages kaufte mir die Firma einen Schreibtisch, einen Computer und einen Drucker und verkaufte das Bürohaus. Ich brauchte morgens nicht mehr zum Bus zu hetzen, mußte keinen Schlips mehr umbinden und konnte beim Telefonieren die Füße auf den Schreibtisch legen. Alles, was ich für die Arbeit brauchte, war im Computer gespeichert. Neue Aufträge erhielt ich "online". Meine Telefonrechnung stieg auf das Fünffache, auch das übernahm die Firma.

Bald merkte ich, daß im Computer noch viel Platz war - viel mehr als in dem kleinen Wohnzimmer, wo ich den Schreibtisch zwischen die Ledergarnitur und die antike Anrichte gequetscht hatte. Ich speicherte nun nicht nur die Daten der Kunden, sondern auch meine Versandhausbestellungen und die Weihnachtsgrüße an die Verwandschaft im Computer. Für letztere kaufte ich ein kleines Programm, das mir die mühselige Formuliererei abnahm und auch gleich bunte Sterne auf das Briefpapier druckte.

Zum Geburtstag erhielt ich von meiner Frau eine CD-ROM mit Meyers Lexikon. Danach konnte ich einen knappen Meter Regalfläche freimachen. Bald entsorgte ich auch die anderen Bücher. Alles, was mich interessierte, fand ich im Internet. Ich bestellte die Tageszeitung ab, dann auch die Motorzeitung und das Wochenmagazin. Ich kaufte einen Scanner und scannte die alten Briefe ein, die ich bisher nie hatte wegwerfen können. Das gleiche machte ich mit den Fotoalben der Kinder und dem Schuhkarton voller Urlaubsfotos. Es ist erstaunlich, wieviel Platz in so einem Computer ist. Außerdem kann man in ihm viel besser Ordnung halten. Ich zerhackte das Bücherregal. Die verbliebenen Möbel gab ich zusammen mit den Maßen der Wohnung in den Computer ein. Nun konnte ich die Schränke ohne Kraftaufwand hin- und herrücken und mir das Ergebnis auf dem Bildschirm ansehen.

Doch bevor wir die Wohnung nach dem von mir entworfenen Plan gestalten konnten, zog meine Frau aus. Sie verstand nicht, daß ich mir zu den Zeiten, wo ich vor dem Computer saß und sie allein im Bett lag, manchmal junge Mädchen in sehr freizügigen Stellungen auf den Bildschirm holte. Die Ledersessel und die Anrichte nahm sie mit. Das Doppelbett nicht, obwohl ich es nicht mehr brauchte. Die Wohnung war plötzlich sehr groß. Die Pflanzen ließ ich vertrocknen. Es war eine kleine Rache. Außerdem hatte ich ein Programm, das die schönsten Blumen auf dem Bildschirm erblühen ließ, wenn ich sie regelmäßig goß.

Um mobil zu sein, verkaufte ich das Auto und kaufte mir den besten tragbaren Notebook-Computer, den ich für das Geld bekommen konnte. Das war kurz nachdem die Firma mir gekündigt hatte. Die Kundenkontakte, sagte man mir, pflege ab sofort ein speziell dafür geschriebenes Programm. Bevor ich die geliehenen Sachen an die Firma zurückgab, überspielte ich alle Daten und Programme auf das Notebook. Die Telefonrechnungen mußte ich nun selbst bezahlen. Auch mit der Miete würde es schwierig werden. Ich ging nun öfter in den Stadtpark, wo ich mich mit dem Notebook auf den Knien auf eine Bank setzte, was auch gesünder war.

Was die Miete betraf, war die Lösung einfacher als gedacht. An einem Sonntag im Mai zog ich den Stecker aus der Dose in der fast leeren Wohnung und verließ das Haus. Unter der Brücke, wo ich jetzt lebe, ist es trocken, aber sehr luftig. Die anderen halten mich für einen Sonderling. Doch seit ich ihnen die Bilder mit den Mädchen gezeigt habe, akzeptieren sie mich. Manchmal schreibe ich Bewerbungen für eine neue Stelle oder Beschwerden ans Europaparlament. Leider kann ich nichts davon abschicken, weil ich keinen Drucker mehr habe. Deshalb stöbere ich öfter in den alten Briefen und sortiere die Urlaubsfotos neu. Außerdem muß ich die Blumen pflegen, die sich sehr vermehrt haben. Alles, was ich brauche, ist im Notebook. Wenn der Akku schwach wird, darf ich ihn bei einem Rentnerehepaar, die aber beide nichts von Computern verstehen, wieder aufladen. Und wenn ich Geld habe, was nicht oft vorkommt, gehe ich ins Internet-Café und surfe eine halbe Stunde durch die große weite Welt.

Veröffentlicht u.a. im Berliner "Tagesspiegel" im Mai 1998

© Ralph Altmann

zum Anfang

zum Anfang

zum Index

zum Index