Level 101

»Jetzt sofort!« Es war die fünfte Aufforderung und Klaus Bosam legte allen Nachdruck in die Stimme, dessen er fähig war. »Gleich, gleich, nur noch...« bettelte Sven, bemerkte jedoch noch rechtzeitig den Zeigefinger des Vaters, der bedrohlich dicht vor dem Reset-Knopf schwebte, und gab nach. Rasch speicherte er den Spielstand und erhob sich widerstrebend, nicht ohne ein »Du bist gemein!« in Richtung seines Erzeugers zu schleudern.

»Ich muss noch arbeiten«, sagte dieser.

»Arbeiten?«, wiederholte Sven und zog das Wort ironisch in die Höhe. Dann machte er schnell die Tür zum Zimmer des Vaters hinter sich zu, um dem Donnerwetter zu entgehen, das jetzt folgen musste.
Bosams Arbeit bestand im Testen von Computerspielen. Er hatte es aufgegeben, allen Leuten zu erklären, dass das wirklich harte Arbeit und keine Spielerei war. Trotzdem war es seine schwache Stelle, an der man ihn stets reizen konnte - was sein Sohn und seine Frau wussten und manchmal ausnutzten. »B. F. Attacks« stand kurz vor der Auslieferung auf dem europäischen Markt. Die Game-Zeitschrift, für die er schrieb, hatte ihm für den Test eine Woche Zeit gegeben. Wenn alles gut ging, konnte er mit einer Nachtschicht und zwei weiteren Tagen auskommen, schätzte Bosam. Er durfte nur nicht zu spät anfangen. Es war schon Nachmittag, doch die Sonne schien noch viel zu hell ins Zimmer. Er zog die Vorhänge zu und startete das neue Spiel.

Die ersten zwanzig Level bewältigte er im Handumdrehen. Das erleichterte ihn, aber gleichzeitig ärgerte er sich darüber, was für einen primitiven Aufguss aller bekannten Ballerspiele man ihm da zugemutet hatte. Mit einer Art grimmiger Anspannung arbeitete er sich Level für Level höher und notierte dabei bissige Kommentare. Er würde das Spiel in Grund und Boden stampfen.

Doch dann, etwa ab dem dreißigsten Level, änderte sich zu seiner Überraschung der Charakter der Aufgaben. Es kamen Geschicklichkeits- und Adventureelemente hinzu. Plötzlich machten die Programmierer Anleihen bei ganz anderen Genres: Man musste Panzer lenken und Kampfbomber fliegen, um weiterzukommen. Realismus und Qualität der Simulatoren stehen dem Besten, was auf dem Markt ist, kaum nach, notierte Bosam. Ein unvorbereiteter Spieler hätte allein für das Training Tage gebraucht. Bosam jedoch war in allen Spiele-Genres trainiert und kannte die meisten Tricks.

Ab Level 52 konnte man online im Internet gegen andere Spieler antreten. Natürlich fanden sich dort noch keine, denn das Spiel war ja noch nicht auf dem Markt, doch auch daran hatte die Herstellerfirma gedacht und auf ihrem Server automatisierte Gegner bereitgestellt. Und noch ein Gimmick überraschte Bosam und belustigte ihn gleichzeitig: Man konnte den Feinden Gesichter verleihen. Zur Auswahl stand eine ganze Reihe von Politikern, außerdem waren - es gab wohl Leute, denen so etwas Spaß machte - Gesichter von Vorgesetzten, Kollegen und Verwandten möglich. Ein Foto genügte, es wurde perfekt gerendert.

Die letzten Sonnenstrahlen drangen durch den Spalt zwischen Fenster und Vorhang und Bosam war in Level 65, als Sven den Kopf zur Tür hereinsteckte. »Es gibt Abendbrot«, rief er. »Jetzt sofort!«, setzte er in gespieltem Befehlston und mit tiefer Stimme hinzu. »Hat Mama gesagt.«

Bosam verkniff sich das »Gleich!«, was er schon auf den Lippen hatte, und erhob sich gehorsam. Am Tisch aß er rasch und schweigsam. Er war mit seinen Gedanken in der »Ballerwelt«, wie seine Frau es nannte. Das war die Phase, wo es ihn bereits voll gepackt hatte. Seine Frau kannte und tolerierte das - jedenfalls, solange es nicht öfter als einmal die Woche auftrat.

Die nächsten Level erforderten volle Konzentration. Bis hierher, merkte Bosam jetzt, hatte alles nur der Konditionierung gedient. Jetzt erst ging es richtig los. Er kam nur schleppend voran. Eine spezielle Sorte Krieger, Honxter genannt, machte ihm das Leben schwer. Wieder einmal hatte er sich in einen Zweikampf mit einem von ihnen eingelassen, als hinter ihm jemand sagte: »Du musst sie fixieren!«.

Sven hatte bestimmt schon länger zugeschaut, ohne dass Bosam es bemerkt hätte. »Darf ich?«, fragte Sven und griff, ohne die Antwort abzuwarten, zum Gamepad. »Hier, und hier und hier - und Schluss!«, rief er und erledigte den Honxter mit dem vierten Schuss, nachdem er die ersten drei knapp rechts, links und über den Kopf des Kriegers gesetzt und ihn damit für eine Sekunde bewegungsunfähig gemacht hatte.

Alle Achtung, dachte Bosam. Er war stolz auf seinen Zehnjährigen. Insgeheim vermutete er schon lange, dass der Sprössling sein Zugangspasswort geknackt hatte und immer dann, wenn er allein zu Haus war, sich ungehindert in seiner Spielebibliothek und im Internet herumtrieb.

Es dämmerte draußen bereits, als Bosam den höchsten Level 100 mit einer akzeptablen Punktzahl beendete. Auf dem Bildschirm flackerte das übliche Glückwunschfeuerwerk auf. Bosam klickte wahllos ein paar Statistiken an, machte sich Notizen und trug sich in die Highscore-Liste ein. Er wollte gerade ausschalten, als sich das Bild erneut veränderte. Umrahmt von den Worten, er gehöre zu den »fitest of the fitest of the whole world«, und weiterem Schmalz erschien eine dicke 101 auf dem Monitor. Ein Bonus-Level, dachte Bosam. Ihm fielen die Augen zu, er hatte überhaupt keine Lust mehr, doch er wollte es zu Ende bringen und drückte noch einmal den Start-Button.

Sofort befand er sich in einer trostlosen Landschaft mit wenigen Sträuchern und ein paar armseligen Hütten. Bosam erfuhr, dass er eine Art Kampfroboter steuerte. Außer der Liste seiner eigenen, recht spärlichen Bewaffnung und einer groben Landkarte gab es keine weiteren Informationen. Langsam tastete er sich vor. Die Landschaft war realistisch gestaltet. Über den Hügeln im Osten ging gerade die Sonne auf. Die langen Schatten der Hütten, die im tiefen Schwarz liegenden Eingänge und glaslosen Fenster verliehen der Szene etwas Unheimliches. Hatte sich da nicht etwas bewegt? Nervös feuerte er eine Granate in die am nächsten liegende Hütte. Im selben Moment rannte ein Junge aus der Tür, wurde von der Explosion erfasst, fiel und rollte ihm direkt vor die Füße.

Wütend drückte Bosam den Abbruch-Knopf. Vollrealistische Kampf- und Tötungsszenen waren in allen europäischen Ländern verboten. Das genügte, das Spiel auf den Index zu setzen.

Sechs Stunden später saß Bosam frisch geduscht am Frühstückstisch. Seine Frau war längst auf Arbeit, der Sohn in der Schule. Er versuchte, mit einem doppelt starken Kaffee die Kopfschmerzen zu vertreiben. Im Nebenzimmer lief der Fernseher, Bosam konnte das Bild durch die offene Tür sehen. Die Nachrichten des gestrigen Tages, Kriegsbilder, wie üblich. Optimistische Soldaten, schweres Gerät, Bilder gelungener »chirurgischer Schläge«, kein einziges Bild der Opfer. Plötzlich sah Bosam aus den Augenwinkeln etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte: Niedrige weiße Hütten mit glaslosen Fenstern und schwarzen Türausschnitten in einer trostlosen Landschaft. Er rannte zum Fernseher, doch die Szene war schon vorüber.

Und jetzt ist dein Reporterinstinkt erwacht?«, fragte Mike Makosch. »Kein Problem, das Video schicke ich an deine E-Mail-Adresse.« Sie hatten zusammen Journalistik studiert und die ersten Jahre bei derselben Zeitung gearbeitet. Bosam erzählte oft davon, wie sie Schwarzgeldaffären und Korruptionsskandale öffentlich gemacht hatten - immerhin war sogar ein Innenminister über ihre Artikel gestolpert. Doch das war zwanzig Jahre her. Makosch war dem Metier treu geblieben und hatte beim Fernsehen Karriere gemacht. Bosam hatte die größeren Abenteuer in der virtuellen Welt der Spiele gefunden. Er bereute das nicht, allerdings hatte er bald gemerkt, dass er von seiner Arbeit, die er immer noch spannend fand, kaum jemandem etwas Spannendes erzählen konnte.

Die Bilder waren nach wenigen Minuten da. Der Kommentator sagte, dass es sich um die aktuelle Frontlinie in den afghanischen Bergen handelte. Bosam verglich sie mit den gespeicherten Bildern des Computerspiels - er hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, alle Tests mitzuschneiden. Doch das Ergebnis war nicht eindeutig. Es war die gleiche Landschaft, möglicherweise sogar derselbe Ort. Das konnte Zufall sein.

Die Spieldesigner setzten oft reale Landschaften ein. Allerdings, überlegte Bosam, nie aus Krisengebieten - die für die Modellierung im Computer erforderlichen umfangreichen 3D-Scans vor Ort wären von den Parteien nie genehmigt worden. Die andere Möglichkeit: Die Bilder waren uralt, und ein Reporter hatte mangels Originalmaterials vom Kriegsschauplatz zufällig auf die gleiche Konserve zurückgegriffen wie die Spieldesigner. Bosam pfiff durch die Zähne: Ein kleiner Skandal im Hause Makosch!

Was wollen die Amis eigentlich dort?«, fragte Bosam. »Terroristen jagen«, antwortete Makosch.

»Vor drei Jahren habe ich das noch geglaubt.«

»Nun ja, so ganz zufällig gibt es da noch viel Erdöl, Gold und Heroin. Böse Zungen behaupten, die Amis sicherten den Drogenhandel - natürlich nur den der mit ihnen kooperierenden Mudschaheddin. Die Gegend ist auch von großem strategischem Interesse. Südflanke Russlands, China hat eine direkte Grenze. Willst du wirklich dahin?«


»Kannst du mir helfen?«

»Nur mit einem pauschalen Mitarbeiterausweis für unseren Sender. Kein Auftrag, kein Geld, keine Sondergenehmigungen. Erfolgshonorar, wenn du was mitbringst. Wende dich an unseren Korrespondenten da unten. Es ist nicht ganz ungefährlich.«

24 Stunden später saß Bosam im Flugzeug. Die Stadt B. war eine Mischung aus orientalischem Basar und amerikanischem Stützpunkt. Die Presseabteilung des Stabes saß in einem von Zinnen und Türmchen gekrönten Gebäude. Man war sehr aufgeschlossen und überschüttete Bosam freigebig mit Lageberichten und Videos. Er hätte sich problemlos für eine Führung ins Kriegsgebiet anmelden können. Doch die Gegend, für die er sich interessierte, war nicht darunter.

Er rief zum vierten Mal den Korrespondenten an und hatte Glück. Sie verabredeten sich in einem Café in der Medina. Bosam wartete schon eine halbe Stunde, als ein kleiner, braun gebrannter Mann mit kurzen blonden Haaren auf ihn zusteuerte und mit ironischem Grinsen fragte: »Gibts was Neues in der Spaßgesellschaft?« Peter Schott, so hieß der Korrespondent, hatte den deutschen Besucher sofort erkannt. Umgekehrt war es nicht so. Bosam stellte fest, dass Schott nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit dem Videobild hatte, das jeden Abend im Fernsehen erschien.

»Klar kann ich dir sagen, wo das war«, erzählte Schott. »Ich hatte die Möglichkeit, an einer Patrouillenfahrt durch eigentlich neutrales Gebiet teilzunehmen und zu filmen. Wenige Stunden später hieß es, dass in dem letzten Dorf, durch das wir gekommen waren, Kämpfe aufgeflammt sind. Front ist eigentlich zu viel gesagt, eine richtige Front gibt es nicht.«

»Und Terroristen?«

Schott lachte auf. »Massenhaft! Hier ist jeder ein Terrorist. Du kannst einem achtjährigen Bengel eine Tüte Bonbons schenken, und kaum drehst du dich um, wirft er dir einen Stein an den Kopf.«

»Setzen die Amis geheime Waffen ein?«

»Die Gegenseite spricht von Vakuumbomben, doch Beweise gibt es nicht. Mit Sicherheit werden irgendwo Kampfroboter getestet. Ich durfte mal einen Prototyp sehen, unter dem Siegel der Verschwiegenheit.«

Bosam horchte auf. »Kampfroboter? Weißt du Näheres darüber? Gibt es Fotos oder Zeichnungen?«

»Gar nichts. Das Projekt ist streng geheim.«

»Wie erklärst du dir das?«, fragte Bosam, legte neben die ausgedruckten Fernsehbilder die Screenshots vom Computerspiel und erzählte, wie er dazu gekommen war.

Wenige Stunden später waren sie auf dem Weg in den Süden.

»Wenn du die Spielregeln nicht einhältst«, erklärte Schott, während er den rüttelnden Jeep lenkte, »kriegst du im besten Fall keine Informationen mehr. Du bist weg vom Fenster und kannst nach Hause fliegen. Im schlechtesten Fall ...« Er grinste und machte eine vielsagende Handbewegung. »Klar, dass wir uns immer an die Spielregeln halten. Es sei denn, wir finden die Story, mit der wir getrost nach Hause fliegen können.«

Nach drei Stunden Fahrt erreichten sie ein kleines Tal, das fast völlig von einem Militärlager eingenommen wurde. Die Mauern stammten wohl noch von einem englischen Fort. Sie waren sorgsam ausgebessert und mit Stacheldraht-Spiralen bewehrt. Über dem Tor wehte die US-Flagge. Die Sonne stand schon weit im Westen, doch die Hitze hatte nicht nachgelassen. Es blieb nicht mehr viel Zeit bis zum Einbruch der Dunkelheit. Jetzt musste es daheim früher Nachmittag sein, schätzte Bosam. Sven kam sicher gerade aus der Schule.

Die ganze Zeit hatte Bosam gegrübelt, wie sie in das Lager gelangen konnten, falls man sie nicht hineinließ. Genau das geschah nun. Schott gab sich alle Mühe. Sein Korrespondentenausweis machte durchaus Eindruck, verstärkte allerdings wohl eher die Meinung des Postens, sie nicht vorzulassen. Bosam versuchte es mit Hochstapelei: Er ließ den Namen einer exklusiven amerikanischen Militärzeitschrift fallen, erklärte sich zum Waffenexperten und fragte ohne Umschweife nach den Kampfrobotern. Immerhin griff der Posten nun zum Telefon und sprach mit einem Vorgesetzten. Der kam, musterte die Besucher freundlich und verwies sie ebenso freundlich an die Pressestelle in B. Er könne und dürfe nichts sagen.

Bosam fiel nichts mehr ein und Schott gab sich geschlagen. Sie stiegen wieder in den Jeep. Bosam war wütend. Er hatte nicht die Absicht, diesen Misserfolg zu akzeptieren, und sagte das auch. »Was willst du machen?«, fragte Schott mit einem Fatalismus, den man wohl brauchte, um in dieser Gegend zu überleben.

»Fahr langsam«, sagte Bosam.

Das hätte er nicht tun müssen, denn am Ende des steil aufwärts führenden Wegs stand die Sonne und blendete so, dass Fahren kaum möglich war. Parallel zum Weg zog sich die Mauer hin. Bosam hatte schon bei der Ankunft gesehen, dass es keine Wachtürme, dafür jede Menge Überwachungskameras gab. Ihm kam eine verrückte Idee. Als sie in Höhe der letzten Kamera waren - genau auf der Ecke, wo sich die Mauer und die Straße wieder trennten - griff er ins Lenkrad und steuerte den Wagen in das verstaubte Kakteengestrüpp, das sich am Fuß der Mauer halten konnte.

»Warte hier, ich bin in fünf Minuten zurück!«

»Du bist wahnsinnig!«, rief Schott, aber Bosam war schon aus dem Jeep auf das Dach geklettert und hangelte sich, die Befestigung der Überwachungskamera als Kletterhilfe nutzend, auf die Mauerkrone.

Wenn er richtig kalkuliert hatte, konnte er weder von dieser noch von der nächsten Kamera gesehen werden. Für die Kamera, an der er sich hochgehangelt hatte, befand er sich im toten Winkel, und die andere, die sie kurz zuvor passiert hatten, wurde ebenso von der Sonne geblendet wie sie. Wenn auf der Linse nur ein Hundertstel des Staubes lag, der hier alles im Umkreis der Straße bedeckte, dann sahen die Posten auf dem zugehörigen Bildschirm nur einen hellen Fleck. Wenn nicht, dann mussten jetzt die Alarmsirenen schrillen. Doch alles blieb ruhig.

Auf der anderen Seite der Mauer ließ sich Bosam auf ein flaches Wellblechdach und von dort auf den Boden gleiten. Er befand sich am Rand einer offenen Halle, aus der es nach Maschinenöl roch. Erst jetzt merkte er, dass seine Hose zerrissen war und er blutende Kratzer an den Beinen und Armen hatte. Einen kurzen Moment wurde er sich des Wahnsinns dieser Aktion bewusst, doch sofort siegte sein Wille, das durchzustehn. Es war das größte Adventure seines Lebens, das wusste er. Er spürte keinen Schmerz. Alle seine Sinne waren hellwach und sagten ihm, von wo Gefahr drohte und wo nicht.

Die Halle war eine Reparaturwerkstatt, sie war leer. An einer Wand hingen ölverschmierte Kittel, von denen Bosam wahllos einen griff und überzog. Er durchquerte die Halle und ging in die Richtung, in der er das Zentrum des Lagers vermutete. Weitere Gebäude schlossen sich an. Bosam hielt sich im Schatten, und es war ihm sehr recht, sich nicht über offenes Gelände bewegen zu müssen. Trotzdem versuchte er, möglichst natürlich zu gehen, zielstrebig, aber nicht zu schnell. Von weitem würde man ihn für einen Mechaniker halten.

Bald stieß Bosam auf eine zweite Mauer, an die sich rohe Wellblechhütten schmiegten. Seine Ahnung hatte ihn nicht getrogen: Das war der innere Kreis, dort musste er hinein. Schon die erste Tür, die er fand, ließ sich öffnen. Was er im Rund des dahinter liegenden riesigen Hofes sah, ließ ihm den Atem stocken. Es war eine ganze Armee. Sie standen in Reih und Glied. Einige glänzten wie neu, doch die meisten waren vom feinen gelben Wüstensand überpudert. Viele hatten Kratzer und Kampfspuren. »Sie ducken sich auf ihre zwei breiten Raupenketten wie sprungbereite Raubtiere«, dachte Bosam und verbesserte sich: »wie Spinnen«. Jedes hatte sechs spinnenartige Beine, die wohl als Unterstützung in unwegsamem Gelände dienten und jetzt bei den meisten dicht an den Körper angelegt waren.

Trotz seiner Aufregung blieb Bosam kaltblütig, zog die Pocketkamera aus der Tasche und schoss einige Fotos mit verschiedenen Brennweiten. Dann machte er sich auf dem gleichen Weg zurück. Schott war noch da und allein, was bewies, dass Bosams Annahme über die Überwachungskameras richtig war. Bosam erzählte triumphierend, was er fotografiert hatte. Doch statt einer kleinen anerkennenden Bemerkung, auf die er gehofft hatte, wiederholte Schott nur »Du musst wahnsinnig sein!« und verließ mit Höchstgeschwindigkeit das Tal.

»Ich hab dir das von den Spielregeln erzählt«, sagte Schott, als sie schon einige Kilometer entfernt waren. »Es wird besser sein, wenn du morgen zurückfliegst!«

»Und die Story?« fragte Bosam. »Ist das keine Story?«

»Du hast sie ja im Kasten«, sagte Schott, und Bosam sah, dass er wieder lächelte. Ein wenig neidisch, wie ihm schien.

»Etwas fehlt noch«, entgegenete er. »Wie werden sie gesteuert? Wenn sie wirklich über das Internet ... « Er beendete den Satz nicht.

»Das wäre absurd. Und es macht überhaupt keinen Sinn«, entgegnete Schott.


»Doch«, widersprach Bosam. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. »Wir sind eine große Armee«, sagte er. »Eine gewaltige, schlafende Armee. Wir, die Spieler. Ich gehöre dazu, auch wenn ich bisher dachte, da drüber zu stehen. Aber vor allem sind es Millionen von Kindern und Jugendlichen, die sich selbst an den modernsten Waffen ausgebildet haben. Sie sind technikbegeistert, zielstrebig und außergewöhnlich reaktionsschnell. Du weißt«, wandte er sich wieder an Schott, »dass die Flugsimulatoren direkte Abkömmlinge von Programmen sind, die für das Militär entwickelt wurden. Diese Kinder haben gelernt, ihre Ziele mit Aggression und Gewalt zu erreichen. Sie haben keine Skrupel, denn sie sind überzeugt, dass sie stets die Guten sind und gegen das Böse kämpfen. Man muss ihnen nur sagen, wer die Bösen sind. Mit einem Satz: Sie sind die idealen Soldaten in einem virtuellen Krieg. Oder in einem realen, der virtuell geführt wird.«

»Du übertreibst«, entgegnete Schott.

»Ich habe in den letzten zwei Tagen oft darüber nachgedacht. Seit heute glaube ich, dass ich nicht übertreibe.«

»Es ist eine irrwitzige Hypothese, für die es keine Beweise gibt.«

»Wir müssen sie finden. Wir werden sie finden!«, sagte Bosam überzeugt. »Wenn die Roboter bereits eingesetzt wurden, müssen doch die Mudschaheddin etwas über sie wissen? Vielleicht haben sie sogar einen erbeutet?«

»Hmm. Einige Stammesführer sind loyal, wenn man das so nennen kann - sie arbeiten mit uns zusammen, solange es ihnen nützt. Aber sie haben natürlich auch Kontakte zur Gegenseite. Ich hab mal mit einem gesprochen, hier ganz in der Nähe.«

Schott stoppte und fuhr einen kaum sichtbaren Pfad in die Berge hinein. Nach einer halben Stunde tauchte die Spitze einer Moschee auf, wenig später auch die Umrisse von Hütten und Häusern. Über den Dächern hing Rauch.

Als sie näher herankamen, sahen sie die Zerstörungen. Die Tore waren aufgebrochen, viele Dächer eingestürzt. Alles schien verlassen. Schott sprang aufgeregt aus dem Jeep. »Es kann noch nicht lange her sein.« Er baute die Videokamera auf. Bosam ging in eine der Hütten hinein. Sie war leer. Schritt für Schritt wagte er sich weiter vor. Auch die anderen Häuser waren leer, die Bewohner anscheinend geflohen. Sein Mut war auf einmal verschwunden, spürte Bosam, er fühlte sich unwohl. Er hatte das Gefühl, fehl an diesem Platz zu sein, und ging doch weiter, als suche er etwas.

Dann fand er, was er gesucht hatte. Es war bloß ein länglicher Klumpen weißen Stoffs mit hässlichen braunen Flecken, der auf dem Boden lag. Trotzdem spürte er einen dicken Kloß im Hals. Er hatte Zehntausende von Gegnern getötet, von üblen Monstern bis zu smarten, sehr menschlichen Ganoven. Doch dies war der erste Tote, dem er in der Realität begegnete. Er dachte einen Moment daran, die Kamera aus der Tasche zu nehmen, und ließ es dann bleiben.

Als Bosam den Blick wieder hob, sah er den Kampfroboter. Er stand keine zehn Schritte vor ihm. Bosam wich langsam zurück. Er kam nicht weit. Er stieß mit dem Rücken gegen eine Wand. Der Roboter folgte jeder seiner Bewegungen mit dem Lauf einer plumpen, kurzen Waffe.

Bosam war es plötzlich, als würde er diese absurde Maschine irgendwoher kennen. Schweiß brach ihm aus, mit ausgebreiteten Armen tastete er nach einem Fluchtweg. Er hörte drei Schüsse wie in Zeitlupe und spürte, wie die Projektile rechts, links und knapp über seinem Kopf einschlugen. »Sven! Sven!«, schrie Bosam. »Das ist kein ...« Das ist kein Spiel, wollte er sagen, doch in diesem Moment wuchs die blassrosa Scheibe der untergehenden Sonne zu einem brennend roten Ball, der mit Wucht in sein Gehirn drang und dort zerplatzte.

Veröffentlicht im c't-Magazin 24/01 S.280

© Ralph Altmann

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